Dienstag, 23. September 2008

Texas

„All my Ex’s live in Texas,
and Texas is a place I'd dearly love to be" so sang George Strait in seinem Hit aus dem Jahr 1986. Es gibt kaum ein anderen Bundesstaat der USA, dessen Bild so sehr mit Klischees überladen ist, wie jenes des „Lone Star States“:
Öl-Milliardäre, Dallas, Longhorn-Rinder, Cowboys, Fort Alamo, "Luckenbach, Texas", Winchester-Repetiergewehre, Cadillac-Cabriolets mit Rinderhörnern auf der Motorhaube, riesige Steaks, gigantische Stetson-Hüte, Wüsten und Kakteen, George W. Bush, J.R. Ewing, riesige silberne Gürtelschnallen an engen Jeans, O-Beine in Cowboystiefel, Rodeo(clowns), “Walker, Texas Ranger”, mieser Akzent den kein Mensch verstehen kann, "alles ist etwas grösser als im Rest der Welt", Mexikaner als Hilfsarbeiter, flaches Land, Texas Kettensägen-Massaker, Pick-Up Trucks, schießwütige Hinterwäldler, Tex-Mex-Food...

Doch Texas ist auch die Heimat großer Musiker; Buddy Holly, Roy Orbison, Janis Joplin, Steve Ray Vaughn, Willie Nelson, Ray Campi, Bob Wills and his Texas Playboys, ZZ Top, Waylon Jennings...


Fünf Stunden Fahrt nach Dallas-Fort Worth? Für einen Cadillac ein Klacks. Die Erwartungen waren groß, als wir die Staatsgrenze in Texarkana hinter uns ließen, doch vorerst änderte sich die Landschaft nicht. Als wir dann aber nach weiteren 3 Stunden Fahrt den Interstate 635 im Osten von Dallas erreichten, staunten wir ganz schön ordentlich. Maulaffen feil bietend fuhren wir über eine vier-etagige Autobahnkreuzung, bei der jeder einzelne Pfeiler mit dem Lone Star geschmückt war, eine Ausdrucksform des sprichwörtlichen „Texas Pride“, der in den übrigen 49 Staaten nicht immer auf Verständnis stösst. Die Texas-Klischees existieren nicht nur in Europa, sondern auch in den USA.
Dallas mit knapp 1.2 Millionen Einwohnern und einem Einzugsgebiet von knapp 6 Millionen, ist eine Stadt mit überaus riesigen Ausmaßen. Die Stadt is mit Fort Worth zu einem enormen Ballungszentrum zusammen gewachsen.

Wieder ein Trader Vic‘s

Ein Trader Vic’s in Dallas? Nichts wie hin, dachten wir uns.
Die Bar ist im Komplex des Hotels „Palomar“ untergebracht. Nachdem das originale "Trader’s" an diesem Standort von 1965 bis 1988 betrieben wurde, kam es nach mehrmonatiger Renovierung 2007 zur Wiedereröffnung. Alles in allem orientiert sich der Stil des Lokals eher an den alten Lokalen als an den Neuen, die durch eine weit offenere Struktur gekennzeichnet sind. Wie in allen Lokalen der Kette sind die Gasträume in Bar- und Dinnerbereich aufgeteilt.
Unsere Empfehlung lautet: Sucht Euch immer einen Platz im Barbereich! Durch die kleineren Tische mit wenigeren Sitzgelegenheiten halten sich hier immer weniger Leute auf und der Lärmpegel ist somit weit geringer als im Dinnerbereich – dadurch fällt das Geniessen der einmaligen Atmosphäre weit leichter.
Nachdem wir die Bedienung gefragt hatten, welcher Cocktail in einem Souvenirbecher serviert wird – der „Kamaaina“ im 12$ Becher, der „Samoan Fog Cutter“ im 40$ Becher, entschieden wir uns für einen „Navy Grog“ und einen „Trader Vic Stinker“, denn die Preise erschienen uns wirklich zu teuer, zumal die Kokosnussbecher online bei Trader Vic’s um die Hälfte des Preises zu haben sind.



Die Tapastoffe wurden bei der Renovierung gegen Wandbemalungen mit denselben Mustern ausgetauscht, dies ist aber nur bei genauerer Betrachtung zu sehen. Die Tikis im Lokal sind, ähnlich wie am Standort in Atlanta, grossteils im marquesianischen Stil gehalten, wobei in Dallas vor allem die rüde Behandlung der Götter über der Bar ins Auge sticht. Dort fielen bei den beiden Stützpfeilern ca. 2/3 des Kopfes zum Anpassen des Daches der Kettensäge zum Opfer, die Nasenflügel wurden zu Augen umgearbeitet. Manch einem mag dieser Umstand nicht auffallen, dem geübten Tiki-Kenner ist dies sofort ein brennender Pfeil im Auge (aua!). Offensichtlich schadete diese Vorgehensweise aber dem mana des Lokals in keinster Weise, denn das Lokal war zum Bersten voll.
Die weitere Wandgestaltung besteht aus Schnitzereien, Schildkrötenpanzern, einigen Riesenmuscheln und Bambus. Speisen kann man auch im Barbereich, wir orderten „Chicken Chow Mei“ und „Szechuan Prawns“, beides Köstlichkeiten, die sich sehr gut mit dem „Stinker“ und dem „Original Mai Tai“ vetrugen. Ohnehin löst der Genuss von pikant gewürzten Speisen in Verbindung mit fruchtigen Rumcocktails eine wahre Geschmacksexplosion im Gaumen aus.




Die Hintergrundmusik erinnerte stark an den Klub Exotika in Graz, Martin Denny, Arthur Lyman, Don Ho, Hapa Haole Songs, Yma Sumac, die Ultra-Lounge-Samplerreihe wurden bunt gemischt serviert. Wir orderten noch einen „Suffering Bastard“, ein Cocktail, der eigentlich im Shepheard's Hotel in Kairo kreiert wurde. Dort becherten 1905 ein paar britische Offiziere lustig vor sich hin, deren Verhalten das Mitleid des Barchefs gegenüber seinem „poor suffering bar steward“ erregte. Im Rausch nicht genau hingehört, schon war ein Klassiker geboren. Wir nennen das „a bsoffene Gschicht“, in der Tat sind so manch grosse Dinge aus einer Alkohollaune heraus geboren worden.


Sonntag, 14. September 2008

Dyess, Arkansas - J.R. Cash

Auch wenn kaum ein Europäer fähig ist, den Namen des Bundesstaates korrekt auszusprechen, zwei Personen aus Arkansas sind weltberühmt: Johnny Cash und Bill Clinton. Während der eine als geläuterter Drogenfreak einer der größten Countrysänger und Songschreiber der Geschichte wurde, machte der andere als 42. Präsident der USA Karriere, auch wenn er den amerikanischen Jugendlichen beibrachte, dass Oralverkehr mit Praktikantinnen kein Sex ist. God bless America
Während der Hurrikan „Ike“ – nicht benannt nach Ike Turner, der zwar auch einiges zu Kleinholz machte – die texanische Golfküste verwüstete, machten wir uns auf den Weg nach Dyess, einem kleinen, verschlafenen Ort in Mississippi County, Arkansas. Der Ort wurde 1934 im Zuge des „New Deals“, der „Neuverteilung der Karten“ als Hilfsmaßnahme für die von der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre gebeutelten Farmer, als Kolonie gegründet. Das kurzfristige Aufblühen dieser sozialistischen Elemente im Heimatland des Kapitalismus zog auch die Familie Cash nach Dyess, wo sie eine kleine Farm in dem rasterförmigen Ort bewirtschaften konnten, hauptsächlich ernährt durch den Anbau von Baumwolle. Heute ist Dyess nach wie vor ein durch die Landwirtschaft geprägter Ort, wobei jetzt aber vor allem Soja angebaut wird.

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Zum 5. Todestag von Johnny Cash, am 12. September, sollte eine kleine „Memorial-Show“ im Auditorium der Dyess-Highschool stattfinden, deren Ehrengast W.S. „Fluke“ Holland sein sollte, der Schlagzeuger der „Tennessee Three“, der Begleitband Johnny Cashs. Fluke wuchs in Jackson, Tennessee auf und begann seine Karriere als Musiker – er wollte eigentlich Klimaanlagentechniker werden - mehr zufällig. Carl Lee Perkins, weltberühmt für seine „Blue Suede Shoes“ und von vielen als „Godfather of Rockabilly" bezeichnet, fragte ihn 1954, vor der ersten Session für Sam Phillips in Memphis, ob er der Perkins-Brothers-Band nicht als Schlagzeuger beitreten wolle, obwohl er keinerlei Erfahrung auf dem Instrument hatte. Jahre später sollte er erfahren, dass Carl ihn nur deshalb gefragt hatte, da Fluke das einzige Auto in Carls Bekanntenkreis besaß, einen 1948er Cadillac, dem sie die Zuverlässigkeit zusprachen, die 80 Meilen weite Fahrt nach Memphis zu überstehen und noch dazu ausreichend Platz für Clayton Perkins‘ Kontrabass bot. Die Session im Sun-Studio war nach anfänglichem Zögern schließlich von Erfolg gekrönt, die Perkins-Band hatte ihren ersten Hit mit „Movie Magg“ aufgenommen. 1955 traf Fluke dann auf Johnny Cash und wurde Mitglied der „Tennesse Two“, von jetzt an „Tennessee Three“ genannt und sollte bis zum Tod von Cash sein Schlagzeuger bleiben.

Die fruchtbare Schwemmebene des Mississippi in Nordostarkansas wird vom Interstate 55 in Richtung St. Louis durchzogen. Es gibt in diesem Bereich des Landes kaum größere Ortschaften, das Land ist in alle Richtungen bis zum Horizont flach und die Wegweiser am Interstate geben wenig Auskunft, Dyess ist auf keinem einzigen genannt. Fährt man an der Abfahrt von Marie/Keiser vom Interstate ab und schlägt den Weg Richtung Westen am Highway 14 ein, erreicht man nach einigen wenigen Meilen Fahrt, vorbei an den Sojabohnenfeldern, eine Tafel: Dyess, Arkansas, Boyhood Home of Johnny Cash, Boyhood Home of Gene Williams.

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Der Ort selbst bietet ein eher trostloses Bild, die Bewohner hausen vorwiegend in Trailern. Doch die Freundlichkeit überraschte uns, die Kinder am Straßenrand winkten uns fröhlich zu. In der Ortsmitte befindet sich ein recht herrschaftlich anmutendes Gebäude, wie wir später erfahren sollten, ist hier die Unterbringung des Johnny-Cash-Museums geplant, sobald die marode Bude renoviert ist. Das dürfte wohl noch einige Jahre dauern, denn die Summe von 800.00 Dollar wird für die Gemeinde wohl schwer aufzubringen sein. Der Vollständigkeit halber sei hier auch erwähnt, dass einige Szenen des Filmes "Walk The Line" mit Reese Witherspoon und Joaquin Phoenix in dem kleinen Ort gedreht wurden.
Vor dem Auditorium der Dyess Highschool – jawohl, dort ging der junge J.R. zur Schule – waren ein paar Wagen geparkt und viel mehr sollten es im Verlauf des Abends auch nicht mehr werden, die Veranstaltung wurde von höchstens 70 Personen besucht. Da waren wir als Österreicher wohl das exotischste des ganzen Abends. Der Herr an der Kasse, mit dem wir uns unterhielten, erzählte uns von seinen Army-Erlebnissen in Deutschland – Geschichten über „Frauleins“ und die Vorzüge Europas, die Schönheit unseres Heimatlandes, das er auch besucht hatte. Auch wenn viele Amerikaner keinen Reisepass besitzen, mit der Army kommt man anscheinend ganz schön weit herum. Er gab uns auch bereitwillig Auskunft, wo sich die ehemalige Cash-Farm befindet – seine Großmutter hatte einst direkt gegenüber gewohnt und er hatte mit den Cash-Buben seinerzeit Cowboy und Indianer gespielt. Die Warnung, dass die Schotterstraße für unseren Wagen zum Problem werden könnte, ignorierten wir, in diesem Falle vertrauten wir voll unserem Cadillac.
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Das Haus und die ganze Farm mit der Adresse 4791 West Country Road 924 liegen wenige Meilen außerhalb des Ortes, sind relativ heruntergekommen und werden zur Zeit von einem Herrn namens Willie Stegall bewirtschaftet – wie uns ein gekonnter Blick in den Briefkasten kund tat. Das Angebot einer Firma, die Farm und das Wohnhaus der Cash-Familie für 200.000 Dollar zu verkaufen, hat er gerüchteweise abgelehnt, dafür nimmt er jetzt 5 Dollar für das Fotografieren des Hauses von den wenigen Touristen entgegen, um das Anwesen „erhalten“ zu können – oder sich doch die eine oder andere Flasche „Wild Turkey“ zu kaufen? Das war also jener Ort, an dem die Saat aufging, aus der die Legende des “Man in Black“ erwuchs, dem Outlaw und Sympathisant von Amerikas vergessenen Kindern, den Gesetzesbrechern, den verlorenen Helden, den Natives und den Unterdrückten.

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Die Rückfahrt über die schnurgerade Schotterpiste gestaltete sich lustig, denn endlich konnte der Cadillac zeigen was er unter der Haube hat. Die riesige Staubwolke hinter uns und die 110 Meilen am Tachometer erinnerten an die Anfangsszene des Burt-Reynolds-Filmes „Der rasende Gockel“ - allerdings ohne Verfolgungsjagd.
Inzwischen hatte ein Johnny-Cash-Imitator die Stufen der Bühne im Auditorium erstiegen und gab einige Cash-Hits zum Besten. Nach einer kurzen Pause und ein paar 1-Dollar Hot Dogs später, war es nun Zeit für den Hauptakt. Ein Mann in Schwarz namens Frank Hamilton nebst Sidemen betrat die Bühne, ein Musiker dessen Klangfarbe der Stimme der von Johnny Cash sehr ähnlich ist. Am Schlagzeug saß „Fluke“ Holland und die Band preschte los mit „Big River“. Nach einigen weiteren Songs - A boy named Sue, I still miss someone, Flesh an Blood etc - wurden, wie bereits wenige Wochen zuvor bei der Elvis-Week in Memphis, Kerzen für die Gedächtnisminute an John R. Cash verteilt.
Danach erzählte „Fluke“ ein paar Stories betreffend das Sun-Studio und Sam Phillips – er war auch bei den Aufnahmen zum legendären „Million Dollar Quartet“ anwesend – und über seine Zeit als Schlagzeuger und Freund von Johnny Cash. Schließlich wurden die älteren Bewohner des Ortes, welche wie der Kartlzwicker persönlichen Kontakt zu Cash gehabt hatten, eingeladen, auf der Bühne ihre Stories zu erzählen. Den Südstaaten-Kauderwelsch kaum verstehend, beschlossen wir wiederum, nun endlich den Ort zu verlassen, um vor dem Eintreffen von „Ike“, dessen Wüten in dieser Nacht vorhergesagt wurde, zurück nach Little Rock zu kommen.

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Die Technik hat uns bei diesem eindrucksvollen Ausflug schmählich in Stich gelassen, denn die Fotos lassen sich aus unverständlichen Gründen nicht von der Kamera kopieren. Darum sind sämtliche Bilder dieses Eintrages aus dem Internet zusammen gestoh - ähem – geborgt.


1. http://www.panoramio.com/photos/original/8619432.jpg
2. http://www.city-data.com/picfilesc/picc34339.php
3. http://www.rubyarchitects.com/images/projects/preservation/dyess2.jpg
4. http://www.city-data.com/picfilesv/picv6383.php
5. http://www.city-data.com/picfilesv/picv12829.php
6. http://www.dyessday.com/sitebuilder/images/cash_yearbook_-603x948.jpg
7. http://farm2.static.flickr.com/1285/744455050_202680dd95.jpg?v=0
8. www.city-data.com/picfilesc/picc34340.php
9. http://www.rubyarchitects.com/images/projects/preservation/dyess2.jpg
10. http://farm2.static.flickr.com/1087/744454990_f701634cf6.jpg?v=0
11. http://www.panoramio.com/photos/original/8619432.jpg
12. http://farm2.static.flickr.com/1325/744455022_45aef729ee.jpg?v=0
13. http://www.dyessday.com/images/BLTee1.jpg
14. www.rockabillyhall.com/wspagelarge.jpg

Sonntag, 7. September 2008

Arkansas und die Wildschweine oder Warum die Amerikaner Sportfanatiker sind

Österreicher und Amis vereint
unter der wildesten Sau des Südens
thanks to Timothy Lim

Die USA sind ein Land des Individualismus. Von klein an sind die amerikanischen Kinder zur Unabhängigkeit angehalten, denn jeder Mensch ist für sein Schicksal selbst verantwortlich, durch Anstrengung, harte Arbeit, eine gute Idee oder auch durch ein außergewöhnliches Talent – als Beispiel sei hier der ehemalige Lastwagenfahrer aus Memphis genannt – kann es jeder Amerikaner, jede Amerikanerin, zu Wohlstand, Ruhm und Ehre bringen. Das ist das Kernelement des „amerikanischen Traumes“. So zumindest in der Theorie, den Minderheiten, die nicht dem Ideal von „White, Protestant and Anglo-Saxon“ entsprechen, haben es selbstverständlich ungleich schwerer.

Nicht der als unnatürlich angesehene, europäische Sozialismus mit seinem sinnlosen und kostspieligen Wohlfahrtsstaat ist laut der gängigen Meinung das natürliche Modell, denn nur auf sich allein gestellt, kann der Mensch sich verwirklichen und von seinem in der Verfassung garantierten Recht auf das Streben nach Glück Gebrauch machen.
Trotzdem findet der Stamm zu gewissen Ereignissen zusammen, um gemeinsam Rituale zu begehen - die die Nicht-Stammesmitglieder teilweise unverständlich finden - um dem Nachwuchs die Traditionen zu lehren, sie in die Kultur einzuführen und für eine kurze Zeit in einem Kollektiv gemeinsam schöne Erlebnisse zu erfahren, denn Amerikaner halten auch zusammen – ein Paradoxon?




Mehr zufällig als gewollt stolperten wir über so ein Stammesritual, denn die Wildschweine waren auf dem Weg in die Stadt. Bereits zuvor waren uns in diversen Geschäften, auf Fahrzeugen und auf Kleidungsstücken rätselhafte Symbole aufgefallen, die wir schließlich als das Logo der „Arkansas Razorbacks“ identifizieren konnten. Dabei handelt es sich um die Sportmannschaft der „University of Arkansas at Fayetteville“, weiter nordwestlich im Bundesstaat gelegen, und bei jenem Ereignis um ein Spiel dieser American-Football-Mannschaft an jenem Tage. Aus Mangel einer Heimmannschaft in ganz Arkansas in einer der großen Ligen des amerikanischen Profisports – es gibt weder einen Major League-Baseballverein, keine Profi-NFL-Footballmannschaft und auch keinen NBA-Basketballverein – sind beinahe alle Einwohner von Arkansas Anhänger der „Razorbacks“, auch „Hogs“ genannt (manche sind ohnehin der Meinung dass der Profisport seelenlos, oberflächlich und hoffnungslos kommerzialisiert ist und wahre sportliche Höchstleistungen nur in den unschuldigen und jungfräulichen Ligen der Universitäten möglich sind).




Das War-Memorial-Stadium, in einem idyllischen Park nördlich des Campus gelegen, sollte der Schauplatz des Kampfes der einheimischen Säue – denn brüderlich teilen sich die beiden Universitätsstädte die Ehre, Austragungsort der Spiele in der „SouthEastern League“ zu sein – gegen die verruchten „Warhawks“ aus Louisiana an diesem Tag werden. Der Park hatte sich seit dem Vormittag in ein riesiges, rot-weißes Fanlager der „Säue“ verwandelt, die Fans waren aus allen Teilen des Staates in die Stadt gekommen, das Spiel selbst sollte erst in den frühen Abendstunden angepfiffen werden. Karten waren natürlich schon längst keine mehr erhältlich, außer bei den üblichen Schwarzmarkthändlern – zu deutlich überhöhten Preisen, wie sich von selbst versteht.
Wir beschlossen, einen kurzen Blick auf das Fanlager zu werfen und ergatterten sogar noch Eintrittskarten in die Fanzone eines Geldinstituts. Dort gab es gratis Getränke – selbstverständlich alkoholfrei – und Speisen, Hühnchenpfanne, Rindfleischpfanne, grüne Bohnen und Mais, sowie Eiscreme und Donuts. Diverse Firmen nutzten die Gelegenheit des Menschenauflaufs um durch die Verteilung von kostenlosen Fanartikeln etwaige neue Kunden zu ködern und auch die Arkansas-Nationalgarde hatte einen Rekrutierungsstand aufgebaut, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sich ein paar mit Bier und härterem Stoff Selbstversorgende nach dem alkoholbedingten Verlust des Urteilsvermögens doch noch freiwillig melden würden. Diverse Methoden der Rekrutierung ähnlichen Couleurs sind ja seit dem 18. Jahrhundert aus England bekannt.



Nachdem wir uns erstmal gestärkt hatten und ein paar Souvenirs ergattert hatten, erlebten wir auch noch ein außerordentliches Glück, die Ankunft von „Sooie“ am Stadion. Dabei handelt es sich um eine ausgewachsene Bache, bekannt für ihre lustigen Verkleidungen und Tanzeinlagen, die bequem in einem eigenem, äußerst komfortabel ausgestatteten Anhänger zu den Spielen chauffiert wird. Empfangen wurde sie – als eine der vier Maskottchen-Sauen der „Hogs“ - mit einer Fanfare und frenetischem Beifall der Anhänger. Nach diesem Spektakel wanderten wir weiter durch das Lager. Viele nutzten die Gelegenheit für ein BBQ oder ein kleines Besöufnis, manchmal auch in einer Doppelkombination, es herrschte Campingplatzstimmung, gemischt mit TingelTangel-Atmosphäre. Pavillon-Zelte mit Fernsehgeräten und kompletten Heimkinoanlagen waren aufgebaut, wer keine Karten für das Spiel hatte, konnte es auf den Bildschirmen verfolgen, mit dem Luxus, jederzeit über ein kühles Getränk, Hamburger, Toiletten und andere Annehmlichkeiten zu verfügen. Lässt man sich auf ein „Tratscherl“ ein, stehen die Chancen gut, von manchen auf das Spiel in ihrem temporären Garten eingeladen zu werden. Auch manche Snacks, wie Obst oder Wildschweinkekse (in der Form, ohne die Zutat) wurden kostenlos verteilt. Bei ähnlichen Gelegenheiten ist uns bereits die Spendierfreudigkeit des amerikanischen Volkes in den Südstaaten aufgefallen. Die Frage, die sich stellt, lautet: hat Nahrung in einem Land, das niemals eine Hungersnot erleiden musste, nun einen besonderen Stellenwert, ist es etwas, dass man gerne mit fremden Leuten aus Gründen der Freundlichkeit teilt, eben die sprichwörtliche „Southern Hospitality“? Oder ist es gerade, weil es im Überfluss vorhanden ist, leichter kostenlos zu verteilen, da man keinen persönlichen Verlust erleidet, der schwer zu kompensieren ist?
Der Unterschied zu europäischen Sportveranstaltungen liegt auch im völligen Fehlen von radikalen Anhängern, die auch vor dem Einsatz von Gewalt gegenüber den Anhängern der anderen Mannschaft nicht zurückschrecken (kann man das als ein Fehlen bezeichnen?). Es geht also etwas friedlicher zu, die Stimmung in einem Stadion ist trotzdem gr0ßartig und mitreissend.






Sooie bei Ihrer Ankunft am Stadion






Übrigens, die „Razorbacks“ gewannen mit 28 : 27.

Dienstag, 2. September 2008

Labour Day - Lake Hamilton

Der erste Montag im September ist das Labor Day-Wochenende, einer der wenigen staatlichen Feiertage in den Vereinigten Staaten. Er wurde am 1. September 1894 durch den Beschluss des Kongresses eingeführt, nachdem er zwölf Jahre zuvor das erste Mal zelebriert worden war und ist das Pendant zu unserem 1. Mai, dem Tag der Arbeit.

Traditionell wird das Wochenende aber weniger dazu genutzt, die schwer arbeitenden Amerikaner, die Grundlage der amerikanischen Wirtschaft – die Stahlarbeiter, die Fleischer in den Schlachthöfen, die Arbeiter in den Automobilwerken, die Bergmänner, auffälligerweise alle des männlichen Geschlechts - zu ehren, als vielmehr den seltenen Genuss eines extra freien Tages zum ohnehin spärlichen Jahresurlaub – weniger als zwei Wochen im Jahr – dazu zu nutzen, irgendwo in “God‘s own country” einen drauf zu machen. Uns standen zwei Optionen zur Wahl. Mit einem Methodisten-Ehepaar, deren Tochter und zehn ihrer halbwüchsigen Freunde im besten Teenie-Alter ein Campingwochenende ohne Strom und weitere Annehmlichkeiten zu verbringen oder mit Sherrie Ray, die in der Abwesenheit unserer Hauseigentümer deren Besitz betreut und auch auf der UALR als Spanisch-Dozentin tätig ist, ihrem Gatten Tommy - in weiterer Folge unser Skipper - und weiteren österreichischen Austauschstudentinnen inklusive Tim, dem boyfriend einer derer und zweitweise im Mickey-Mouse-Outfit, einen Motorbootausflug auf dem Lake Hamilton, ca. 40 Meilen südöstlich von Little Rock zu unternehmen. Wir entschieden uns für letzteres.

Wir besorgten uns Proviant in Form von “Budweiser” und “Fat Tire” – einem köstlichen Bier aus Colorado, belegten uns ein paar Sandwiches, schlüpften in die Badehosen und los ging die wilde Fahrt.

picture by http://www.remaxinaction.remaxarkansas.com/remaxar/index.asp?acc=97077

Nachdem wir den See erreicht hatten, überraschten uns erst einmal die zahlreichen Bootsanhänger am Parkplatz. Wir waren zwar vorgewarnt worden, dass es an diesem Feiertag sicherlich “crowded” werden würde, aber dass der Besitz eines Bootes in den Vereinigten Staaten derart verbreitet ist, entzog sich bis dahin unseren Kenntnissen. Die relative günstigen Preise für ein Boot, ab ca. 10.000 Dollar aufwärts und die große Anzahl an Seen in Arkansas sowie der Mangel an der Notwendigkeit eines nötigen Kapitänspatentes zur Steuerung eines solchen Wasserfahrzeuges lassen jedoch im Nachhinein so einiges nachvollziehbar erscheinen.


Als wir nach dem zu Wasser lassen des Bootes und dem Verstauen der Vorräte und Öffnen der ersten kühlen Getränke das Vehikel bestiegen hatten, ging es erst einmal Richtung Norden, um ein paar der mondänen Wohnsitze am Wasser zu besichtigen – leider nur aus der Entfernung. Alle Häuser verfügen natürlich über einen eigenen Zugang zum See. Auffallend war auch wieder die Bauweise bei einigen Gebäuden, die gerade im Entstehen waren. Sperrholzplatten auf einer Holzriegelkonstruktion, verkleidet mit aufgeklebten Steinplatten – ähnlich unserer Stainzerplatte – um eine solide Konstruktion zu suggerieren.

Als wir nach einiger Fahrt Richtung Süden, unter zwei freeways hindurch, einen seichtere Stelle des Gewässers erreichten, beschlossen wir uns abzukühlen und ein bisschen zu schwimmen. Amerikanische Boote verfügen über einige Extras, wie zum Beispiel vom Wasser aus erreichbare Getränkeboxen oder Bootsradiobedienelemente. Das Abkühlen erfolgt also nicht nur durch den Sprung ins kühle Nass, in dem nur hüfttiefen Wasser kann man auch noch gekühlte Getränke, wie beispielsweise Bier, genießen. Das sollten wir später an einer bestimmten Stelle des Sees, genannt „Redneck Yacht Club“ noch ausgiebig beobachten.





Ein weiterer Spaß ist das „tube-riding“. Ein ringförmiger Schwimmkörper, an dem man sich verzweifelt festkrallt, wird mittels Seil hinter dem Boot nachgezogen, wobei es durch die Geschwindigkeit des ziehenden Bootes und den Bugwellen zu recht spektakulären Sprüngen des Reifens kommen kann, dabei kann man sich leicht den einen oder anderen Zahn raushauen. Glücklicherweise kam es bei unserer Besatzung zu keinen Verletzungen, das ganze ist wirklich ein diebischer Spaß, obwohl man wirklich gut trainierte Unterarme benötigt, um nicht sofort zu den Fischen geschickt zu werden.




Nachdem alle den Ritt gewagt hatten, fuhren wir mit halsbrecherischer Geschwindigkeit bei der ich auch meinen geliebten Dodgers-Hut verlor, das Boot steuerte nun Sherrie, zum „Redneck Yacht Club“, einer Seitenbucht des Sees. Der Terminus „Redneck“ bezeichnet einerseits liebevoll, andererseits etwas verachtend, einen weißen, den unteren sozialen Schichten angehörigen Bewohner der Südstaaten. Im „Yacht Club“ hingen bereits einige, angeheiterte, Cowboy-Hut tragende „Rednecks“ im Wasser, während Johnny Cash, Boss Springsteen und HipHop Musik aus den Bootslautsprechern über den See hallten. Offensichtlich hatten sich einige für die Nacht eingerichtet, denn nicht jeder erschienen nun mehr fahrtüchtig – zu Mal es auch auf dem Wasser Kontrollen des Sheriffs bezüglich Trunkenheit gibt, ein sehr riskantes Unterfangen.



Als wir auch noch die letzten Budweiser und Tire geleert hatten – wir als Passagiere durften ja trinken – steuerten wir wieder das Ufer an. Das Boot auf den Anhänger bugsieren erfolgte ebenso flott wie das zu Wasser lassen. Ein gelungener Ausflug war zu Ende.